Freie Wohlfahrtsverbände und Landtagskandidaten im Gespräch

Worms, 16.02.2016

Wormser Landtagsabgeordnete in der DiskussionWelche Lebensqualität dürfen Senioren und behinderte Menschen zukünftig in Worms erwarten? Wie wird sich das Zusammenleben mit Flüchtlingen in unserer Stadt gestalten? Am 16. Februar ging es in den Räumen der Wormser Lebenshilfe um große Fragen zur Zukunft des Sozialen. Eingeladen hatte die Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtsverbände in Worms (AGW Worms) die Landtagskandidaten von SPD, CDU, Bündnis 90/Grüne, FDP und Linke.


Sachliches Gespräch statt Wahlkampfrhetorik
Die Vertreter von Caritasverband und Diakonischem Werk, DRK, ASB, AWO und Lebenshilfe hatten sich gründlich auf die drei Themenkomplexe Alter, Inklusion und Flüchtlinge vorbereitet. Sie wollten, so die Leiterin des DWWA und Sprecherin der AGW Anne Fennel, ein sachliches Gespräch zwischen Expertinnen und Experten aus dem sozialen Bereich einerseits und der Politik andererseits – keine Wahlkampfrhetorik. Um die Landtagskandidaten dabei zu unterstützen, sorgte Moderator Dr. Uwe Beck, Landessenderbeauftragter der Kath. Kirche beim SWR, für ein strenges, wenn auch humorvolles Zeitregime: nach Überschreiten von zwei Minuten Redezeit gab's die rote Karte. Das half – meistens - bei der Präzisierung der Antworten.

„Wir wünschen uns mehr Beratung und weniger Kontrolle.“
Wormser Landtagsabgeordnete erörtern Fragen der Wormser WohlfahrtsverbändeIns erste Thema, Leben im Alter, führten Caritasdirektor Georg Diederich und Christine Geiselhardt, Leiterin Sozialer Service beim DRK, ein. Ein wichtiger Schwerpunkt dabei waren Fragen im Zusammenhang mit dem Landesgesetz über Wohnformen und Teilhabe. Anlass zur Sorge für die Wohlfahrtsverbände sind Änderungen dieses Gesetzes, die aus ihrer Sicht der Realität in Einrichtungen der Altenhilfe nicht gerecht werden. So sei es z.B. nicht möglich, angesichts der großen Fluktuation bei den Bewohnern die genaue Anzahl der Fachkräfte monatlich dem Pflegeschlüssel anzupassen – etwa durch einen sofortigen Aufnahmestopp bei Unterschreiten der sog. Fachkraftquote. Diederich: „Wir wünschen uns hier seitens der Behörden mehr Beratung und weniger Kontrolle. Die Heime sind geprüft genug. Stellen Sie sich vor, wie das auf die hier unter schwierigen Bedingungen arbeitenden Menschen wirkt. Das nimmt ihnen jede Freude an ihrem Beruf.“ Eine seiner Fragen an die Politiker lautete denn auch: „Wo sehen Sie Wege des Miteinanders zwischen Trägern und Behörden?“

Bei den Landtagskandidaten trafen diese Sorgen auf Verständnis. Jens Guth (SPD) betonte, beim Umgang mit dem Pflegeschlüssel gebe es im Einzelfall bei guter Begründung immer auch Spielräume. Er wie seine Kollegen nutzten ihre Redezeit auch für grundsätzliche Anmerkungen zum Thema. Allen gemeinsam ist die Haltung, alte Menschen sollten so lange wie möglich zu Hause leben können. Im einzelnen ging es darüber hinaus u.a. um die Rolle der Pflegekammern (Adolf Kessel, CDU), um die Reaktivierung der Gemeindeschwestern (Jens Guth), um die Anerkennung des Engagements der Angehörigen (Richard Grünewald, Bündnis 90/Grüne) und Altersarmut (Sebastian Knopf, Die Linke).

Wo können psychisch kranke und behinderte Menschen im Alter gut leben?
Fragen aus dem Publikum - vor allem Expertinnen und Experten aus der Praxis – verbanden das Thema Alter mit dem der Lebenswelt behinderter Menschen. Etwa die von Yvonne Wehrheim vom Caritasverband: „Was geschieht mit psychisch kranken Menschen, die im Alter nicht in unserem Wohnheim oder in Wohngruppen bleiben dürfen, weil sich die Krankenkassen aus der Verantwortung zurückziehen?“ Für Jens Guth war klar, dass man hier noch ganz am Anfang stehe. „Da brauchen wir erst noch Erfahrungen. Aber ich nehme die Frage gerne mit.“

Die individuelle Situation muss die Art der Hilfe bestimmen.
Die zentrale Frage der Experten von Lebenshilfe und AWO an die Kandidaten lautete: „Werden Sie im Fall Ihrer Wahl den Begriff Behinderung differenzieren?“ Ihre Sorge: Die individuelle Situation finde nicht genug Beachtung. So sei z.B. eine Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht für alle Betroffenen ein realistisches Ziel, was ja auch für Menschen ohne Behinderungen zutreffe.
Auch hier gab es keine großen Kontroversen. Alle waren der Ansicht, dass die Hilfen der persönlichen Situation angepasst werden müssten. Allerdings betonte Dr. Jürgen Neureuther, FDP, für ihn bleibe der erste Arbeitsmarkt oberstes Ziel. Jens Guth hielt dagegen, nicht der erste Arbeitsmarkt, sondern Teilhabe sei das Wichtigste. Richard Grünewald wies darauf hin, dass es einfach sei, mehr Differenzierung zu fordern, aber dazu brauche man eben entsprechende Rahmenbedingungen. Und die kosten Geld.
Um Geld ging es auch in einer weiteren Frage von Yvonne Wehrheim: Im Wohnheim des Caritasverbandes habe man 13 Plätze für psychisch kranke Menschen – aber viele Anfragen. Wie solle das weitergehen? Wenn der Bedarf da sei, so Jens Guth, dann müsse man darauf reagieren und gemeinsam nach Lösungen suchen.

Integration von Flüchtlingskindern und Wohnungsknappheit
Bei der Einführung zum dritten Themenkomplex des Abends konzentrierte sich Anne Fennel auf zwei Fragen: Was wird konkret zur Integration der Kinder geschehen und wie steht es mit dem sozialen Wohnungsbau angesichts fehlenden bezahlbaren Wohnraums.
Für einen neuen Umgang mit der Schulpflicht sprach sich Grünewald aus. Sie müsse dem Kenntnisstand angepasst werden. Adolf Kessel unterstützte in seinem Beitrag „Starterklassen“ für Flüchtlingskinder. Zum Thema Wohnraum verwies er auf den Masterplan der Stadt Worms. Ähnlich wie Sebastian Knopf erinnerte auch Jens Guth daran, dass wir nicht erst seit den steigenden Flüchtlingszahlen bezahlbare Wohnungen brauchen. Von den insgesamt 4000 in Rheinland-Pfalz neu geplanten Wohnungen werde Worms „ein großes Stück vom Kuchen erhalten.“ Richard Grünewald mahnte demgegenüber, man solle angesichts des großen Wohnungsleerstandes im Land unbedingt zunächst diese Kapazitäten nutzen, was finanziell erheblich günstiger wäre.

Gibt es ein Fazit?
Eine Fülle zum Teil brisanter Themen in knapp zwei Stunden mitten im Wahlkampf. Gibt es ein Fazit dieses Abends? Caritasdirektor Georg Diederich: „Wir sind im Gespräch zu Fragen, in denen es um die Lebensbedingungen unzähliger Menschen geht, von denen sehr viele keine Stimme in unserer Gesellschaft haben. Und das ist viel wert.“

Text und Bild: Patricia Mangelsdorff, Freie Mitarbeiterin des Caritasverbandes Worms e.V.