Worms, 11.05.2009

200905 90jahrfeierKein leichtes Geburtsjahr war 1919, das Jahr in dem die Arbeiterwohlfahrt gegründet wurde. Das wurde in den Festvorträgen zum 90jährigen Jubiläum des AWO-Kreisverbandes Worms-Stadt e.V. immer wieder deutlich. Bei der zentralen Feier im voll besetzten Kesselhaus des EWR in Worms stand aber nicht nur der Blick zurück auf die harten Tage der Gründerzeit im Mittelpunkt, sondern zugleich wurde der Bogen zu den Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft gespannt. Höhepunkt des bunten Programms, das vom stellvertretenden AWO-Kreisvorsitzenden Karl Kronauer mit Hilfe vieler AWO-Ehrenamtlicher sowie mit Unterstützung des Wormser Arbeitsförderbetriebs organisiert wurde, war dabei die Rede des AWO-Bundesvorsitzenden Wilhelm Schmidt.

Im ersten Teil der Veranstaltung, die vom Kreisvorsitzenden Volker Pütz eröffnet und seinem Stellvertreter Timo Horst moderiert wurde, würdigten Festredner wie der Oberbürgermeister der Stadt Worms, Michael Kissel, der SPD-Bundestagsabgeordnete Klaus Hagemann und der SPD-Landtagsabgeordnete Jens Guth die besonderen Verdienste der Wormser AWO sowie ihrer Mitarbeiter und insbesondere ihrer ehrenamtlichen Mitglieder. Sie alle hoben die enge Verbindung der Arbeiterwohlfahrt zur Arbeiterbewegung und zur Sozialdemokratie hervor.

Beistand von Mensch zu Mensch
OB Michael Kissel, bekennendes Mitglied der AWO, bezeichnete die AWO als „eine der wichtigsten Selbsthilfeorganisationen in der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung", die „Beistand von Mensch zu Mensch" über all die Jahrzehnte hinweg gewährte und wichtigen Einfluss auf die Sozialgesetzgebung nahm und nimmt. Neben den vielfältigen Beratungs-, Betreuungs- und Hilfsangeboten betonte das Wormser Stadtoberhaupt insbesondere die Rolle, die die Wormser AWO bei den sozialen Treffs ausübe. So seien beispielsweise die regelmäßig stattfindenden Senioren-Nachmittage insbesondere in Zeiten, in denen sich ältere Menschen zunehmend einsam fühlten, ein notwendiges und wichtiges Angebot.

Wurzeln in der Arbeiterbewegung
Der SPD-Bundestagsabgeordnete Klaus Hagemann, seit 35 Jahre AWO-Mitglied, betonte die gemeinsamen Wurzeln und die gemeinsamen Werte von AWO und SPD. „Der Mensch, und zwar der Durchschnittsmensch, steht im Mittelpunkt, ob 1919 oder heute". Und gerade heute, in Zeiten der Wirtschaftskrise, müsse der Sozialstaatsgedanke wieder hervorgehoben werden, wie er in Artikel 20 des Grundgesetzes ausgeführt ist. Eigentum müsse wieder verpflichten und auch dem Allgemeinwohl dienen. Auch der SPD-Landtagsabgeordnete Jens Guth verwies auf die verbindende Vergangenheit und die gemeinsamen Werte als Grundlage, um Zukunft zu gestalten. In dieser müsse ganz besonders Kinderarmut entschlossen bekämpft werden, zum Beispiel durch öffentliche Zuschüsse für ein warmes Mittagessen für Kinder aus bedürftigen Familien, wie es die SPD in Worms durchgesetzt habe.

Winfried Bauer, Geschäftsführer des AWO-Bezirkes Rheinland, dankte dem Wormser AWO-Kreisverband für die gute Zusammenarbeit über all die vielen Jahre hinweg und bezeichnete Worms als einen der wenigen Kreisverbände, die von der Kindertages- bis hin zur Seniorenbegegnungsstätte die ganze Bandbreite an Diensten vorweisen könne.

Solidarität aktueller denn je
200905 90jahrfeier schmidtFestredner Wilhelm SchmidtFestredner Wilhelm Schmidt, der AWO-Bundesvorsitzende, ging auf die schwierigen Gründerjahre der Arbeiterwohlfahrt ein, die in eine Zeit nach dem Ersten Weltkrieg fiel, in der breite Schichten, insbesondere die Arbeiterschaft, verarmt waren und zugleich auch keinerlei Anspruch auf Hilfe durch den Staat bestand. In dieser Zeit waren es die AWO-Gründer, die sich maßgeblich dafür einsetzten, dass Arbeiter und die Familie Rechte erhielten sowie unter anderem eine Fürsorgepflicht entwickelt wurde. So wie es damals Suppenküchen gab, so würden heute leider auch wieder zunehmend „Tafeln" gebraucht, um bedürftige Menschen mit Lebensmitteln zu versorgen. Vor diesem Hintergrund sei es „heute aktueller denn je ganz besonders den Grundwert der Solidarität wieder in den Vordergrund zu rücken", betonte Schmidt. Eine herausragende Rolle nehme dabei auch das Ehrenamt, „der Kitt unserer Gesellschaft", ein. Aber genauso müsse Arbeit auch immer gerecht entlohnt werden, die Leistungen in der Pflegeversicherung verbessert werden und eine angemessene Kindergrundsicherung durchgesetzt werden. „Hier in Worms ist das pralle AWO-Leben", war Schmidt begeistert, da so viele mitmachten.

Der Leiter des Wormser Stadtarchivs, Dr. Gerold Bönnen, ging nochmals vertiefend auf die Anfangsjahre der Arbeiterwohlfahrt ein. Das Jahr 1919 spielte als Gründungsjahr auch eine besondere Rolle, da in dieser Zeit das Frauenwahlrecht eingeführt wurde und die Frauen in der AWO eine große Rolle spielten und natürlich auch heute noch spielen. Es waren oft die Frauen, die sich damals ganz besonders für die Rechte von Kinder, Jugendlichen und Familien einsetzten. Beispielsweise organisierte die AWO damals Erholungsfreizeiten für Kinder aus der Arbeiterschaft.

Im zweiten Teil der Veranstaltung, der von Hans Walter Martin moderiert wurde, stand Musik, Tanz und Unterhaltung auf der Tagesordnung. So überbrachten die Kinder des Wormser AWO-Kindergartens unter Leitung von Tania Prange ein musikalisches Geburtstagsständchen. Und Musik wurde auch im weiteren Verlauf des Nachmittags groß geschrieben. Es traten auf: Das Bergsträßer Salonensemble unter Leitung von Dr. Reinhard Kratz, die Singgruppe der AWO Wendelsheim „Die goldene 13", „Die Optimisten", die „Rohrlach-Freunde" sowie Klaus Link mit einem Gesangssolo. Dazwischen sorgte die Tanzgruppe des russisch-deutschen Freundschaftskreises für Stimmung im EWR-Kesselhaus.

Marco Sussmann